Gesund aufwachsen trotz Klimakrise und sozialer Ungleichheit

10. Juli 2026 | Rund 300.000 Kinder in Nordrhein-Westfalen wachsen in armutsgefährdeten Familien auf. Viele von ihnen leben in beengten Wohnungen, in dicht bebauten Quartieren mit wenig Grün oder an stark befahrenen Straßen. Wenn Hitze, Luftverschmutzung und andere Umweltbelastungen hinzukommen, verschärfen sich bestehende Nachteile.

Vor diesem Hintergrund haben Jan Braukmann (UNICEF Deutschland, Forschung und Monitoring, Kinder in Deutschland) und PD Dr. med. Dirk Holzinger (Kinderarzt an der Universitätsklinik Essen, Mitglied im Vorstand von KLUG Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, Herausgeber und Co-Autor von „Kindergesundheit und Klimawandel“) und Meral Thoms MdL in einem digitalen Fachgespräch folgende Fragen diskutiert:

  • Wie wirken sich soziale Ungleichheit und Umweltbelastungen auf die Gesundheit von Kindern aus?
  • Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen hierzu vor?
  • Welche politischen Handlungsmöglichkeiten bestehen auf Landes- und kommunaler Ebene?

Jan Braukmann zeigte anhand aktueller UNICEF-Untersuchungen zunächst, wie eng Einkommen, Bildung, Gesundheit, Wohnumfeld und gesellschaftliche Teilhabe zusammenhängen. Deutschland verfügt grundsätzlich über gute Voraussetzungen für ein gesundes Aufwachsen. Es gelingt uns aber noch zu selten, gerade diejenigen Kinder zu erreichen, die besonders viel Unterstützung benötigen.

Dirk Holzinger erläuterte, warum Kinder körperlich anders auf Hitze und Umweltbelastungen reagieren als Erwachsene. Ihre Organe befinden sich noch in der Entwicklung, kleine Kinder können ihre Körpertemperatur schlechter regulieren und sind stärker auf den Schutz durch Erwachsene und eine geeignete Umgebung angewiesen. Die Klimakrise ist deshalb auch eine Frage des Kinderschutzes.

In der Diskussion wurde sehr konkret, was daraus für NRW und die Kommunen folgt: Schulen und Kitas müssen bei Neubau und Sanierung von Beginn an hitzeresilient geplant werden. Kinder brauchen sichere und möglichst grüne Schulwege, verschattete Spiel- und Aufenthaltsflächen sowie Orte, an denen auch Jugendliche willkommen sind. Angebote der Gesundheitsförderung müssen verständlich, niedrigschwellig und dort erreichbar sein, wo Familien leben.

Dabei reicht es nicht, Kinder lediglich mitzudenken. Sie sollten bei der Gestaltung ihrer Umgebung beteiligt werden. Zugleich müssen Beteiligungsformate so organisiert sein, dass nicht nur besonders sprachgewandte und ohnehin gut erreichte Kinder zu Wort kommen.

Ein weiterer Schwerpunkt war die gesundheitliche Versorgung. Die aktuellen Einsparungen auf Bundesebene lösen gerade in der Kinder- und Jugendmedizin große Sorgen aus. Spezialisierte pädiatrische Angebote, Kinderkrankenpflege und psychotherapeutische Versorgung dürfen nicht weiter geschwächt werden. Prävention kann eine gute medizinische Versorgung nicht ersetzen – sie muss sie ergänzen.

Das Fazit: Kindergesundheit gehört nicht allein in die Gesundheitspolitik. Sie wird ebenso beim Bau einer Schule, bei der Gestaltung eines Quartiers, in der Verkehrsplanung, in der Familienpolitik und im Katastrophenschutz entschieden. Und muss dort künftig konsequenter mitgedacht werden.